Ute Zeggert

Frühe Schulwege

1940 - 1949

Lesen kann ich bereits, und im Turnverein bin ich auch schon, als ich in die erste Klasse komme. Ich gehe in eine Mädchenschule. Die Lehrerin ist jung und singt Kinderlieder mit uns, das gefällt mir. Zu Hause schaut die Inge danach, dass die Buchstaben und Zahlen auf meiner Schiefertafel schön geschrieben sind. Sie ist zwölf, meine Schwester. Sie war es auch, die dafür gesorgt hat, dass ich in den Turnverein darf.

Geneisenauplatz
Geneisenauplatz

Unsere Stadtwohnung am Oderufer ist geräumig. Morgens kommt die Marthel ins Kinderzimmer und bringt den Morgenbrei. Die Marthel ist unser Hausmädchen. Auf dem Weg zur Schule muss ich an der Ecke des Platzes eine Straßenbahnlinie überqueren, nach rechts gehen und dann links abbiegen. Ich kenne mich schon gut aus. Am Nachmittag laufe ich Rollschuh. Die Straßen der Dominsel sind ruhig und glatt. Ich bin sechs Jahre alt.

*

In die zweite Klasse brauche ich nicht. Sie sagen, ich kann sie überspringen und gleich in die dritte gehen. Aber vorher müssen wir alle auf dem Schulhof das Horst-Wessel-Lied singen. Dann komme ich zu einer anderen Lehrerin und zu anderen Kindern. Wenn ich morgens das neue Klassenzimmer finden will, zähle ich die Stockwerke und danach die Türen im Gang ab. Wir schreiben jetzt mit Tinte in Hefte. In meinem Federkasten müssen immer die richtigen Schreibfedern für den Federhalter sein, das finde ich schwierig. Es gelingt mir auch nicht immer, keine Tintenkleckse zu machen. Eines Tages hält der Rektor eine Rede in der Aula. Er sagt, dass unsere Schule jetzt für Soldaten gebraucht wird. Wir Kinder müssten zum Unterricht auf andere Gebäude verteilt werden. Die Schule, in die ich nun gehen soll, liegt in einer Gegend der Stadt, in der ich noch nie war. Am ersten Tag begleitet mich der Dieter dorthin. Mein Bruder ist schon sechzehn und geht ins Gymnasium. Am anderen Morgen sage ich, ich würde den Weg durch die Straßen allein finden. Aber dann kenne ich mich doch noch nicht aus, ich renne zurück. Breslau ist groß. Nachmittags spiele ich zusammen mit meiner Freundin Ruth. Sie wohnt nur zwei Straßen weiter, aber sie besucht eine andere Schule als ich. Ruthel macht mir wieder Mut. Ich bin sieben Jahre alt.

*

Die Lehrerin in der vierten Klasse ist ziemlich streng. Wir lernen zu erzählen und Aufsätze zu schreiben über das, was wir erlebt haben. Oft habe ich das Gefühl, dass sie mich ungerecht behandelt. Vielleicht deshalb, weil mein Vater eine Position bei der Kirche hat. Er ist Kantor und Organist und sehr bekannt, denn er gibt viele Konzerte. Als ich vom Weihnachtsoratorium in unserer Magdalenenkirche erzählen will, lässt sie es nicht zu. Von der Kirche will sie nichts wissen. Trotzdem schenke ich ihr beim Abschied von der Volksschule ein Glas Himbeergelee, das ich Mutti abgebettelt habe. So etwas ist selten in der Großstadt auch deswegen, weil Krieg ist. Denn auf den Lebensmittelmarken steht genau drauf, wie viel jeder Mensch im Monat zum Essen nur einkaufen darf. Also entweder Zucker oder Marmelade. Wir kaufen Zucker. Die Himbeeren haben wir beim Karlshof gesucht und eingekocht. Der Karlshof ist unser Ferienhaus. Es ist ein großes weißes Gehöft im Reichensteiner Gebirge, einem Teil der Sudetenkette, oben am Waldrand. Von dort aus können wir weit in die schlesische Ebene hinuntersehen. Wenn wir hin wollen, müssen wir mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof fahren, den Eilzug nehmen, in Kamenz in die Kleinbahn umsteigen und dann von Reichenstein aus noch fast zwei Stunden bergauf gehen. Im vorigen Winter waren wir eingeschneit. Ich bin acht Jahre alt.

*

Die Aufnahmeprüfung für die Mädchenoberschule habe ich bestanden. Vorher war ich ein bisschen bange gewesen, aber es ist gut gegangen, und jetzt bin ich Sextanerin in der Viktoriaschule.

Victoriaschule
Victoriaschule

Viele Fächer sind neu. Der Unterricht beginnt mit Geschichte und Hermann, dem Cheruskerfürst. Wir sind viele in der Klasse. Die anderen Mädchen kenne ich noch nicht, sie kommen aus verschiedenen Gegenden der Stadt. Ich brauche aber keine Straßenbahn für den Schulweg. Auf dem Schulhof sehe ich Inge bei ihren Freundinnen. Im Sommer hat sie ihre Klassenkameradinnen einmal auf den Karlshof einladen dürfen, mit Übernachtung im Heu. Da war ich auch dabei. Am Nachmittag höre ich, wie Mutti im Musikzimmer auf dem Flügel spielt. Danach übe ich auch für die Klavierstunde. Aber schon nach wenigen Wochen ist meine Zeit in der ersten Klasse der höheren Schule endgültig zu Ende. Es ist im Herbst 1943. Auf einmal heißt es, alle Kinder sollen aufs Land verschickt werden in fremde Familien, wegen der Bombenangriffe auf die Städte. Schon lange müssen wir abends die Fenster verdunkeln, doch bisher fielen hier keine Bomben. Deswegen werden ausgebombte Leute aus westdeutschen Städten auch hier in Breslau aufgenommen. Aber jetzt müssen überall Luftschutzkeller eingerichtet und außen an den Häusern mit weißen Pfeilen bezeichnet werden. Und die Kinder sollen also raus aus der Stadt. Doch meine Eltern befürchten, dass wir uns später nie wieder finden werden. Ich habe gehört, wie sie leise darüber sprachen .Sie suchen eine Möglichkeit, dass sie mich nicht weggeben müssen. Ich bin neun Jahre alt.

*

Ich lebe mit meiner Mutti in der Einsamkeit auf dem Karlshof. Schulunterricht oder Klavierstunden gibt es hier natürlich nicht. Zum Lesen nehme ich mir die Bücher der Erwachsenen, ein paar Haustiere leisten mir Gesellschaft. Aus dem Wald hinter dem Haus holen wir Reisig und Kleinholz für den Herd mit Kachelofen, außerdem viele Pilze und Beeren. Ab und zu gehen wir mit unseren Rucksäcken ins nächste Dorf hinunter, es ist eine Stunde Wegs. In der Mühle kaufen wir die runden, dunklen Brotlaibe, im Laden vor allem Petroleum für unsere vielen Petroleumlampen, denn elektrischen Anschluss haben wir da oben nicht. Beim Posthalter geben wir unsere Postkarten und Briefe ab; Mutti schreibt viel. Der Posthalter sagt, er will ein Bild vom Karlshof malen. An anderen Tagen gehen wir zu einigen Gehöften, die vereinzelt am Berg liegen. Die stille Frau Ertelt freut sich besonders, wenn wir kommen. Ich höre zu, was gesprochen wird. Der schlesische Dialekt gefällt mir. Nach einer Weile holt die Bäuerin aus ihrer Vorratskammer Milch, Eier und Butter für uns. Währenddessen leben mein Vater und Inge in der Stadtwohnung in Breslau. Die Marthel ist nicht mehr bei uns. Und der Dieter musste, als er gerade achtzehn wurde, zu den Soldaten. Wenn Ferien sind, kommen Vati und Inge auch hierher. Ich bin mit dabei, wenn Feuerholz gesägt, gespalten und im Holzstall aufgesetzt wird. Meinen Vater sehe ich aber auch manchmal in der großen Wohnküche an seinem Schreibtisch sitzen, mit Kopfhörern an den Ohren und mit einem Detektor vor sich, an dem er eine kleine Nadel hin und her schiebt. In Breslau hat er ein Radio, um Nachrichten zu hören. Ich frage nie, was er hier hört. Besuche bekommen wir recht selten. Aber zweimal brachten sie Ruthel für ein paar Tage mit. Endlich konnten wir wieder zusammen spielen. Jetzt geht es auf den Winter zu. In der Stadt bekommen die meisten Leute nicht genügend Heizmaterial und nicht genug zu essen. Hier auf dem Karlshof haben wir es warm. Sobald es schneit, werde ich meine Skier hervorholen. Mehr als ein Jahr lebe ich nun schon hier. Ich bin zehn Jahre alt.

*

Schnee gibt es reichlich in diesem Januar 1945 und mehr als 20° Kälte. Eines Tages kommt die Inge aus der Stadt zu uns herauf. Sie erzählt, die Rote Armee nähere sich der Oder, und Breslau solle als Festung verteidigt werden. Deswegen müssten nun alle Frauen und Kinder die Stadt verlassen, die meisten zu Fuß, weil die Züge für die Hunderttausende nicht ausreichten. Sie selbst hätte eigentlich dort bleiben müssen, um sich im Kriegsdienst einsetzen zu lassen. Sie ist sechzehn. Aber unser Vater hat erreicht, dass sie das Häubchen einer Rotkreuzhelferin bekam und als Betreuerin eines Kindertransports mit der Bahn ein Stück mitfahren konnte. Einige Tage später kommt Vati auch. Mit einem Fahrrad. Bisher wurde er nicht als Soldat eingezogen, weil er im Ersten Weltkrieg gewesen war und von daher eine Verletzung am Bein hat. Aber nun wird er wie alle, die bisher nicht kriegsverwendungsfähig waren, zum Volkssturm befohlen. Er weiß nicht genau, wohin er geschickt wird. Im Februar kommt ein Brief von Dieter, er sei jetzt westlich von Breslau eingesetzt. Mutti schreibt es sofort an Omi und Tante Lotti in Berlin. Sie schickt ihnen gleichzeitig auch einige von unseren Lebensmittelmarken. Auch die Großeltern in Pasewalk sollen Post bekommen, sie haben Diamantene Hochzeit. Ob aber unser Brief überhaupt bis nach Pommern durchkommt? In manchen Nächten erlebe ich Seltsames. Ich habe Angstträume, sitze im Bett und kann nicht aufwachen. Wenn ich endlich ganz langsam das Licht der Petroleumlampe und Mutti neben meinem Bett sitzend wahrnehme, höre ich von ihr, dass sie immer wieder vergeblich versucht hat, mich aufzuwecken. Als der Schnee getaut ist, heben einige Männer am Hang vor unserem Haus Schanzgräben aus. Vielleicht soll der Berg noch verteidigt werden. Jemand berichtet, über Ostern habe es in Breslau die schlimmsten sowjetischen Bombenangriffe gegeben. Manchmal fehlen morgens Vorräte aus der Speisekammer oder Textilien aus der Waschküche. Ich weiß, dass entflohene Kriegsgefangene und vielleicht sogar desertierte Soldaten hier vorbeikommen. Später im Frühjahr wagen sich manchmal auch am Tag magere Gestalten in die Nähe des Hauses. Mutti schneidet dann Brot und schickt mich damit zu ihnen hinaus. An einem Nachmittag sehe ich, wie sich ein besonders erschöpfter Mann auf das Tor zu schleppt. Zuerst erkenne ich ihn nicht. Es ist mein Vater. Er erzählt, warum er noch lebt. Er sagt, der Krieg sei nun zu Ende, überall im Land seien russische Truppen, und es würden schlimme Dinge an der besiegten deutschen Bevölkerung geschehen. In den nächsten Tagen bespricht er sich mit zwei Bauern. Gemeinsam bauen sie auf einer Lichtung im Wald eine Holzhütte. Das Versteck brauchen wir, als die Sieger kommen. Sie verwüsten den Karlshof. Weit hinten am Horizont ist der Himmel rot und schwarz gefärbt. Es scheint ein großer Brand in Breslau zu sein.

Im Juni werden wir ausgewiesen. Wir nehmen nur mit, was wir tragen können. Ich bekomme wie die anderen einen Rucksack, über dem eine gerollte Decke hängt, einen Koffer und eine Tasche. Die Eltern wissen aber nicht, wohin wir gehen sollen. Es gibt keine Telefonverbindung mehr, keine Post und keine Zeitung. Was würden wir im zerstörten Breslau noch antreffen oder wen von unseren Verwandten im Norden? Viele Bahnlinien sind unterbrochen, also machen wir uns, wie andere auch, zu Fuß auf den Weg irgendwohin. Im Hirschberger Tal können wir zunächst bleiben.

Stich Warmbrunn
Prediger Wohnung in Warmbrunn

Denn in Bad Warmbrunn ist der Kantor nicht mehr da, und mein Vater übernimmt dessen Stelle an der evangelischen Kirche. Deutsche Schulen gibt es nicht mehr. Polnische Miliz und russisches Militär machen jetzt die Häuser der deutschen Bewohner eins nach dem anderen frei, um Leute aus Polen anzusiedeln. Ich kann erleben, was dabei geschieht. Denn Kinder dürfen auf die Straße ohne Gefahr, verschleppt zu werden. Den Bürgersteig dürfen aber auch wir nicht benutzen. Alle Deutschen müssen weiße Armbinden tragen. Zu essen gibt es kaum etwas. Ich finde Freundinnen und Freunde, wir denken uns Spiele aus. Oder wir versuchen, für unsere Familien etwas zu essen aufzutreiben. Einer blinden Frau im Spital lese ich manchmal etwas vor. Sie heißt Fräulein Licht. Als Dank holt sie dann aus ihrer Nachttischschublade ein kleines Stück trockenes Brot, das sie für mich aufgespart hat. Zeitungen gibt es auch nicht. Die Erwachsenen tauschen Gerüchte aus. Ich höre einzelne Worte wie "Potsdamer Abkommen", "Kein Friedensvertrag", "Oder-Neiße-Linie", "Welche Neiße ist denn nun gemeint?". Im Winter werden mir meine Schuhe zu klein, ich bekomme Frostbeulen. Auch Heizmaterial ist knapp. Für mich ist Frieren schlimmer als Hungern. Das Haus, in dem wir leben, wird durchsucht. Wir stehen an der Wand. Ich sehe in das Gesicht des Milizionärs, der uns mit dem Gewehr bewacht. Manchmal habe ich Angst, manchmal fühle ich mich aber auch mutig. Und ich erlebe, wie die Musik die Menschen tröstet. Trotz aller Unsicherheiten kommen viele zu unseren Abendmusiken und Konzerten. Ich singe im Chor mit bei Mozarts Requiem, als Jüngste. Zweimal führen wir es auf, unter sehr schwierigen Bedingungen im März 1946. Ich bin elf Jahre alt.

*

Immer mehr deutsche Bewohner des Kurorts werden aus ihren Häusern vertrieben. Manche kommen noch für kurze Zeit zu uns. Aber jetzt müssen auch wir endgültig aus Schlesien weg. Es ist April 1946. Wieder ziehen wir mit Rucksack und Handgepäck los, zusammen mit anderen; manchmal in einem überfüllten Zug, manchmal zu Fuß. Unterwegs werden wir von Plünderern in Milizuniformen aufgehalten. Meine Mutti ist die Mutigste von uns allen, sie verhandelt mit ihnen. Man lässt ihr zwar nicht unsere Ausweise und Urkunden, das Geld und die Wertsachen, auch nicht den Mundvorrat, aber einen Stoß Konzertprogramme aus Breslau darf sie schließlich wieder an sich nehmen. Auf dem offiziellen Sammelbahnhof in Kohlfurt ist dann alles voller Menschen. Hier müssen wir noch durch die amtliche Durchsuchung und Desinfektion. Schließlich rollt ein langer Zug aus Viehwagen langsam mit uns nach Westen; wohin, wissen wir nicht. Ich sitze meistens in der offenen Schiebetür des Waggons. In Kurven zähle ich zweiundsechzig Wagen. Innen lagern die Leute auf dem Boden. Wie wir über die Lausitzer Neiße fahren, fliegen aus allen Wagen die weißen Armbinden ins Wasser. Die Fahrt dauert zwei Tage und Nächte. In Niedersachsen ist sie zu Ende. Hier, in der englischen Zone, soll uns die Bevölkerung ein Unterkommen geben. Willkommen sind wir nicht, denn vor uns mussten schon sehr viele Menschen aus dem Osten hier aufgenommen werden. Für Inge und mich gibt es zwei Matratzen auf einem Dachboden. Nach zweieinhalb Jahren ohne Unterricht freue ich mich auf die Schule. Es ist die Cäcilienschule in Oldenburg. Der Direktor nimmt mich in die Quinta auf, mit Probezeit. Das Schuljahr hat hier nach Ostern begonnen. Ich komme in die 2a als zweiundvierzigste Schülerin, habe keine Hefte und bin unterernährt. Aber ich lerne Englisch. Nachmittags gehe ich zum Schwimmunterricht, danach fährt ein Zug zurück zum Wohnort Rastede. In einem Schuppen finde ich einen Haufen Altpapier. Ich nehme mir einen Stoß alte Lebensmittelkarten; die Rückseiten sind nun mein Schreibpapier. Ich bestehe die Probezeit. Die Eltern müssen ins Krankenhaus. Als mein Vater gesund ist, sucht er wieder nach einer festen Anstellung. Er sagt, für eine große Stadt könne er sich nicht entscheiden, weil überall alles zerstört ist und es nirgends eine Wohnung für uns gibt. Aber aus einer kleinen Stadt im Schwarzwald hätte er von der evangelischen Gemeinde ein Angebot bekommen für eine Kirchenmusikerstelle mit Dienstwohnung. Mutti, Inge und ich sind sofort dafür, dorthin zu ziehen. Unbesehen! Mutti sagt, wir brauchen endlich wieder ein Zuhause. Meine Zeit in der Quinta ist damit also nach einem halben Schuljahr schon zu Ende. Am Lehrerzimmer verabschiede ich mich mit leichtem Herzen. Ich bin zwölf Jahre alt.

*

Die Erlaubnis der Besatzungsmächte, aus der englischen durch die amerikanische in die französische Zone zu reisen, haben wir nur bekommen, weil Anstellung und Wohnung gesichert sind. Es ist November 1946, die Züge sind dunkel, die Anschlüsse schwierig. Nach zwei Tagen Fahrt steigen wir in St. Georgen im Schwarzwald aus und gehen mit unseren Rucksäcken und Koffern zur Stadt hinauf. Auch mein Vater ist noch nie hier gewesen, nur Briefkontakte waren möglich. Die Frau, die uns zu unserer Wohnung begleitet, lächelt, als sie die Tür für uns öffnet. Und was wir dann sehen, können wir kaum fassen: Die Räume sind aufs Liebevollste eingerichtet! Familien aus dem Ort haben Möbel als Leihgaben zur Verfügung gestellt, viele Gegenstände wurden auch geschenkt. Da sind die Betten bezogen, die Öfen zum Anheizen vorbereitet, Mehl und Salz im Küchenschrank. Wir fühlen es, hier sind wir willkommen. Auch wir lächeln, die Großen haben nasse Augen. Unten im Haus ist die Gemeindebücherei. Der Mann, der die Bücher ausgibt, sagt, er sei hier Lehrer, aber lange Zeit im Krieg gewesen. Mutti erzählt, wo wir herkommen. Zuerst von Breslau und von der Reformationskirche St. Maria Magdalena, an der ihr Mann mehr als zwanzig Jahre lang als Kirchenmusiker gewirkt hat. Dann beschreibt sie den Karlshof: das helle, weithin sichtbare Gehöft und seine Lage hoch oben am Waldrand im Reichensteiner Gebirge. "Ich weiß", sagt der Mann plötzlich. "Ich habe es gesehen. Vor anderthalb Jahren, bei Kriegsende, kam ich dort vorbei, und Sie ließen mir durch Ihre kleine Tochter eine Wegzehrung herausbringen!"

In der Nähe unserer Wohnung gibt es ein Progymnasium. Meine Eltern melden mich jetzt für die Quarta an. Hier war nach den Sommerferien Schuljahrswechsel. Die Klasse hat mit Französisch begonnen, das muss ich nun nachholen. Die Mädchen und Jungen nehmen mich freundlich und ein bisschen neugierig bei sich auf. Mit den Kameraden, die gegenüber wohnen, spiele ich am Spätnachmittag manchmal Räuber und Gendarm. Sie sagen "Reiber" und bringen mir alemannische Wörter bei. Sie holen mich auch ab zu einer Skiwanderung. Die Skier bekomme ich geliehen, nur die Bindung hält nicht. Einige der Lederriemen sind entzwei. Aber erst gehe ich immer zu unserer Französischlehrerin, denn sie gibt mir umsonst Nachhilfe. Mit der Klasse hat sie eine Wette abgeschlossen: "Wann, schätzt ihr, wird die Ute euch in Französisch eingeholt haben?" Dem Votum der Klasse setzte sie dann einen kürzeren Zeitraum entgegen, "denn die Ute hat ein musikalisches Gehör, auch für Sprachen." Ist ja klar, dass wir uns nun alle anstrengen. In der Quarta bin ich ein dreiviertel Schuljahr lang. Ich bin dreizehn Jahre alt.

*

Die meisten Vormittage in der Schule sind kurzweilig, vor allem die Deutschstunden. Wir lesen Balladen und lernen sie freiwillig auswendig, jeden Tag ein Stück weiter. Es fällt mir leicht. Auch Algebra und Geometrie mache ich gern. Mit dem Englischlehrer komme ich nicht so gut aus. Er meint, ich sei frech zu ihm. In der großen Pause gibt es Schulspeisung: Kekssuppe oder Erbsensuppe oder etwas Ähnliches. Es ist eine Spende von den Quäkern in Amerika. Aber auch das Essen muss ich erst wieder lernen. An den Nachmittagen gehe ich manchmal zum Schwimmen an den Klosterweiher, regelmäßig zur Klavierstunde und im Winter zum Konfirmandenunterricht. Wir sind achtzig oder neunzig Kinder. Ich lerne die Fragen und Antworten aus dem Badischen Katechismus. Zur Einsegnung dann kann keine meiner Patinnen kommen. Die meisten Adressen unserer Verwandten und Bekannten hat Mutti nach und nach vom Suchdienst des Roten Kreuzes erhalten. Sie sind verstreut in allen Gegenden Deutschlands. Aber die Zonengrenzen und die weiten Entfernungen machen Besuche unmöglich. Der Posthalter vom schlesischen Dorf schickt uns als Geschenk das Aquarellbild, das er vor einigen Jahren vom Karlshof gemalt und bei der Vertreibung mitgenommen hat. Unser Dieter bleibt vermisst. In die Untertertia gehe ich ein volles Schuljahr, bis zum Sommer 1948. Ich bin vierzehn Jahre alt.

*

Die anderen Mädchen aus meiner Klasse fangen jetzt eine Berufsausbildung an. Einige von den Jungen und ich wollen weiter ins Gymnasium gehen, dazu müssen wir aber jeden Tag nach Villingen fahren. Inge macht bald Abitur und fängt dann in Freiburg an zu studieren. Ich bin froh darüber, dass meine Eltern Schulgeld und Monatsfahrkarte für mich, Studiengebühren und Zimmermiete für Inge, auch die Lernmittel für uns beide bezahlen wollen, obwohl sie hier sehr viel weniger verdienen als in Breslau. Zum Glück bekommen wir manchmal Pakete aus Amerika mit getragener Kleidung und Konserven. Nun laufe ich von Montag bis Samstag immer morgens um halb sieben zum Bahnhof runter und komme bestenfalls um halb zwei Uhr mit dem Schülerzug zurück. An Tagen mit Nachmittagsunterricht wird es wesentlich später. Die neuen Klassenkameradinnen sind nett. In unserer Freizeit können wir uns aber nur selten verabreden; die Entfernung zwischen unseren Wohnorten ist zu weit, und es fahren nur wenige Züge. Im Frühjahr 1949 bekomme ich eine Einladung an den Zürichsee. Ein Freund meiner Eltern hat Bekannten dort von uns erzählt. Ich brauche eine Einreiseerlaubnis in die Schweiz und darf nur allein über die Grenze fahren. Und dann betrete ich das schöne Haus einer kunstinteressierten Familie und teile ihr gewohntes Leben. Wir sind miteinander lustig und auch traurig, ich fühle mich geborgen und auch frei. Ich darf lesen und Rad fahren und auf dem Flügel spielen und moderne Malerei anschauen und Schokolade essen. Meine Gasteltern verwöhnen mich nicht mit gekauften Dingen, sie schenken mir Aufmerksamkeit. Sie und ihre beiden Töchter sagen, auch für sie sei es gut, dass ich bei ihnen bin. In ihren Briefen an meine Eltern bitten sie immer wieder um Verlängerung meines Aufenthalts. So wird ein Vierteljahr daraus, während der Schulzeit. Meine Lehrer und der Schuldirektor in Villingen sind damit einverstanden. Nach meiner Rückkehr muss ich wieder einmal Lernstoff nachholen, nun vor allem in Physik und Chemie. Die Schulfreundinnen leihen mir dafür ihre Hefte; wir müssen im Unterricht immer viel mitschreiben, denn neue Schulbücher können erst nach und nach wieder gedruckt werden. Die Obertertia besuche ich ein dreiviertel Schuljahr lang. Ich bin fünfzehn Jahre alt.

***

Vier Jahre später mache ich das Abitur. Der vorgesehene Weg dorthin sollte durch dreizehn Schuljahre führen. Ich erreiche dieses Ziel auf unvorhergesehenen Wegen und mit weniger als zehn Jahren Unterricht. Zwar habe ich es immer gerade verpasst, wenn Bruchrechnen oder Dezimalzahlen erklärt wurden und wie sich das eine in das andere umwandeln lässt. Doch ich habe gelernt, Zusammenhänge zu erkennen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Ich bin fähig, Menschen zu verstehen und in eigener Verantwortung zu handeln. Und ich freue mich auf das Leben, das vor mir liegt.

Lörrach, im Januar 2008

 

Empfehlung
  279.000 0nline
  Adreßbuch 1941
  Stadtplan 45
  Heimatbote April-Mai12
  Christophoribote März-Mai12

Stammtische
  Berlin
  Düsseldorf
  Halle

Breslau-Land
  Information
  Orte
  Forum

  Gästebuch
  Forum
  Newsletter
  Eigene Suche