Werdegang der ersten Breslauer Beerdigungsanstalt

Heinrich I gründete 1833 die Firma 

Heinrich OhagenJohann Georg Heinrich OHAGEN, am 24.04.1796 in Hannover geboren, ließ sich 1819 als Gürtlermeister in Breslau nieder. 1833 gründete er in der Kupferschmiedestraße 43 (= Schuhbrücke 58, das Goldenes Stück) das Sargmagazin H. Ohagen. Er bestimmte, dass wenigstens ein Vorname der männlichen Nachkommen mit "H" beginnen muss, um den Gründernamen des Geschäftes in dieser Form zu erhalten.

Heinrich kaufte die getischlerten schmucklosen Särge und versah sie mit Beschlägen. Die Art der Beschläge richtete sich nach dem Ausgangsmaterial (Kiefer oder Eiche). Gute Eichensärge erhielten große versilberte Rosetten und Kränze, während die preiswerteren Särge nur mit einfachen Metallbeschlägen versehen wurden. Zu dieser Zeit wohnte das Ehepaar Ohagen Ring 57. Die 1. Ehe blieb kinderlos. Christine Ohagen starb nach fast 30-jähriger Ehe und wurde auf dem katholischen Friedhof am Birnbaum beigesetzt. Sehr schnell heiratete Heinrich wieder. Die Eheleute bezogen eine Wohnung in der Salzgasse 5. Das Geschäft wurde zwischenzeitlich verlegt in die Kupferschmiedestr. 41 (Stadt Warschau, auch Schmiedegasse 10).

Die 2. Frau Ida, geb. Stange, war die Tochter eines Tischlermeisters. Sie kümmerte sich im Wesentlichen um Geschäft und Kunden, während Heinrich weiter die Gürtlerwerkstatt versah. Durch ihren übergroßen Fleiß war das Ehepaar etwa 1857 in der Lage, das Haus in der Schuhbrücke 60 zu erwerben. Dem Einzug ging ein Umbau voraus. Neben der Haustür befanden sich die Schaufenster, zwischen denen die Eingangstür lag. Ida hoffte, dass in dem größeren Geschäft bessere und zahlungsfähigere Kundschaft zu erwarten sei als in dem kleinen Laden auf der Kupferschmiedestraße.

Als Heinrich I am 28.09.1860 starb wurde er auf dem reformierten Friedhof vor dem Nicolaitor beerdigt. Er hinterließ eine schwangere Frau, je 2 minderjährige Töchter und Söhne. Zum Vormund für die Kinder wurde der Tischlermeister Julius Schwesner bestimmt, bei dem Heinrich II nach dem Abschluss im Realgymnasium zum Heiligen Geist eine Tischlerlehre durchlief, bevor die beiden Brüder Heinrich und Georg eine kaufmännische Ausbildung absolvierten. Alfred, der jüngste Sohn wurde Landwirt und Kaufmann.

Ida Ohagen hatte nun ganz allein die Sorge um Kinder und Geschäft. Um Haushalt und Kinder kümmerte sich Anna, die Amme des jüngsten Sohnes Alfred. Hier im Haus Nr. 60 wurde Weihnachten 1867 der - später - bekannte Theaterkritiker und Publizist Alfred Kerr als Alfred Kempner geboren.

"Das Sarggeschäft Ohagen lebt auch noch. 
Auf der Schuhbrücke liegt Ohagen, wo mir das Glück in der Weihnacht wiederfuhr, in dies Dasein zu kommen." 

aus: Die Oderstadt - wie schön ist sie! - abgedruckt in Breslau: Ein Lesebuch vom Husum-Verlag

1871 wurde Ida sehr krank und übergab das Geschäft ihrem Schwiegersohn Carl Götz, dem Mann ihrer ältesten Tochter. Er sollte es bis zur Volljährigkeit der Söhne bewahren und es dann dem übergeben, der danach verlangte. Carl Götz war aber nicht in der Lage, das Geschäft weiter zu führen. Er hoffte, durch Grundstücksspekulationen leichter und schneller zu Vermögen zu gelangen. Kurz vor ihrem Tod (30.04.1819 - 09.08.1871) sah sich Ida gezwungen, das Geschäft an Johann Bensch zu verkaufen, der das Sargmagazin in der Kupferschmiedestr. 43 betrieb. Zur Bedingung machte sie, dass ihren Söhnen der Rückkauf ermöglicht würde. Sie wollte für sie dieses einträgliche Geschäft bewahrt wissen.

Heinrich II ab 1875 - 1919

Heinrich II (*16.04.1855) ließ sich ein Jahr früher für mündig erklären, übernahm 1875 zunächst das Geschäft Schuhbrücke 58 und holte seinen Bruder Georg (*16.04.1857) nach. Nach gerichtlichen Auseinandersetzungen mit dem Nachbarn Johann Bensch sprach das Gericht den Brüdern Ohagen wieder das elterliche Geschäft in der Schuhbrücke 60 zu. Die Anfänge waren zunächst sehr schwer und die Brüder mussten zunächst sehr viel arbeiten und auf Vieles verzichten, um das Geschäft wieder zu einem rentablen und gewinnbringenden Unternehmen zu machen. Die beiden Brüder ergänzten sich in der Arbeit ausgesprochen gut. Während Heinrich der einfallsreichere von beiden war und immer neue Ideen hatte, war Georg der immer besonnene Buchhalter. Der dritte Bruder Alfred war nur wenige Jahre als Angestellter im Geschäft tätig. Er war der kreativste der Brüder, schrieb Gedichte und Kurzgeschichten und veröffentlichte 1905 "Die Sobotenburg" - eine Dichtung vom Zobten aus Schlesiens slawisch-germanischer Zeit.

Heinrich II heiratete am 08.08.1881 die 17-jährige Margarethe Michael. Die Hochzeitsreise führte über Dresden nach Prag. Der junge Ehemann vergaß aber auch auf dieser Reise nicht, dass er ein Geschäftsmann war.

Folgendes hat meine Großmutter in ihren Aufzeichnungen festgehalten: "So mußte ich in Dresden, müde wie ich war, stundenlang hinter einem Begräbnis herlaufen, weil er einer solchen Feier dort beiwohnen wollte, um sie an einem anderen Ort kennen zulernen. In Prag wollten wir an einem Nachmittag zu einem Konzert auf die Margaretheninsel fahren. Mein Mann hatte einen Wagen genommen, ich hatte mich so schön wie möglich gemacht und wir fuhren los, ich alles mögliche Schöne erwartend. Aber nicht weit ging die Fahrt. Auf einem kleinen Platz mitten in der Altstadt ließ mein Mann plötzlich halten, verschwand in einem kleinen Sarggeschäft, in dem er sich zu meiner Verzweiflung recht lange aufhielt und aus dem er dann die Erwerbung eines sich für unser Geschäft sehr fruchtbar erweisenden imitierten Metallsarges mitbrachte. Er war über diesen Erfolg unserer Fahrt sehr zufrieden, ich desto weniger, denn nun war es für das Konzert auf der schönen Margaretheninsel zu spät! Wir fuhren wieder in unser Hotel zurück."

Dieser, später von ihnen "Patenter" genannte Sarg, erwies sich als Segen für die Firma. Seit dem ging es aufwärts.

1890 kauften die Brüder für 19.000 Thaler ein großes Grundstück auf der Vorderbleiche. Hier ließen sie vom Maurermeister Gustav Hoffmann ein großes Mietshaus (Nr. 7) mit Seitengebäude (Nr. 7a) bauen und zogen 1895 ein. Zum Grundstück gehörten Tischlerei, Remise, Pferdestall, Lagerhaus, Leichenhalle und eine kleine private Kapelle. Zu dieser Zeit wurden die Toten noch mit Pferd und Wagen transportiert. Das Geschäft florierte. Zusätzliche Einnahmen brachten Heinrichs Patente. Bald wurden weitere Häuser gekauft und gebaut:

Geschäftshaus um 1900

1908 kaufte Heinrich ein Haus in Strickerhäuser (Oberschreiberhau), das einzige, das Heinrich allein gehörte. Hier verbrachten die Ohagens nach Heinrichs Pensionierung viele glückliche Jahre.

"Zwei Bilder geb' ich dir, die sind bekannt dir beide.
Wenn in dem einen Hause in der großen Stadt
Dich Sorgen quälen, schnür dein Reisebündel
und flieh aus lautem, trubelvollen Treiben
hinauf in stiller Berge tannenduft'ge Gründe.

Hier steht das kleine Haus, das du dir aufgebaut.
Und wenn dir auch dein Bau zum Ärger wurde,
bedenke, dass des Lebens ungemischte Freude
den Sterblichen noch nie gegeben wurde.

Geh durch die Wälder, sieh die Sonnenstrahlen
auf weichem Moose spielend sich ergötzen
und lass der kleinen Vögel muntres Singen
dir volle Lebensfreude bringen."

(Für Heinrich II von Helmuth Ohagen Strickerhäuser, den 30.12.08)

1910 zogen sich Heinrich und Georg ins Privatleben zurück und übergaben das Geschäft der nächsten Generation. Während Georg ganz ausstieg, wurde Heinrich stiller Teilhaber. Das hatte zur Folge, dass er, als Alfred (22.12.1885 - 01.05.1938) gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges eingezogen wurde, wieder ins Geschäft zurück musste. Heinrich III (12.08.1884 - 27.12.1946) wurde eines krummen Armes wegen kriegsuntauglich geschrieben, aber 1916 zu Büroarbeiten einberufen.

Heinrich III ab 1919 - 1946

Helmuth Ohagen1919 trat Helmuth (*05.11.1888) ins Geschäft ein und Heinrich sen. überließ den jungen Männern wieder die Leitung. Am 21.02.1919 starb er und wurde auf dem reformierten Friedhof in der Lohestr. beigesetzt.

Alle Ohagen waren evangelisch reformiert. Georg starb am 14.04.1922.

Mit dem Eintritt Helmuths in die Firma waren 3 Cousins Geschäftsführer. 1926 übernahmen sie eine Hauptvertretung für den Deutschen Herold und schufen sich damit ein neues Standbein. Heinrich III erwarb weitere Patente, aus denen er aber kaum Nutzen zog, da nach Kriegsschluss auch das alles verloren war.

Helmuth, dem die Vetternwirtschaft zuwider war, verließ 1928 als offener Gesellschafter die Firma und blieb bis zum bitteren Ende stiller Teilhaber.

Mit seinem Ausscheiden wurde in einem Vertrag festgelegt, dass zum 31.12.1949 über das Geschäft neu entschieden werden solle (Verkauf, Auszahlung oder Einsatz eines Geschäftsführers, eines "Herrn in gereiftem Alter, aber niemals eine Frau", dabei hat die Großmutter dieser Herren den guten Ruf der Firma begründet!). Der Ausgang des Krieges und seine Folgen haben sie aller weiteren Überlegungen enthoben! Die Nachkommen sind beruflich alle andere Wege gegangen.

Anfang Juni wurde Helmuth von den Russen verschleppt und geriet noch in Gefangenschaft nach Rostow/Don, an deren Folgen er am 27.12.1945 im Krankenhaus in Berlin-Schöneberg verstarb. Auf dem dortigen Friedhof wurde er von seinem Cousin, dem Pfarrer Erich Ohagen, beerdigt.

"Nun ist wohl meine Lebensfahrt zu Ende,
die Lebensfahrt! Mein Lebenswerk ist's nicht.
Ich hob vielleicht die unruhvollen Hände
zu einem unerreichbar fernen Licht.

Was tut's - die gold'ne Erde blüht und duftet,
auch wenn wir Menschen nicht mehr auf ihr sind,
die wir im Dunst des Augenblicks verkluftet
so lächerlich gleichgült'ge Wesen sind.

Und doch: wenn ich versunken, meine Lieben,
dann glaubt, dass ich das Beste stets gewollt.
Ins Buch des Schicksals war mir's nicht geschrieben,
dass ich erreichte, was ich wohl gesollt.

Ich weiß: mein Acker hatt' viel Dorn getrieben,
doch dafür hab ich den Tribut gezollt -
jetzt sollt' er Früchte tragen -'
ich wär so gern geblieben - aber der Wagen rollt -."

Helmuth Ohagen, Dezember 1945

Heinrichs und Alfreds Familien verließen Breslau als es zur Festung erklärt wurde in Richtung Bayern, Helmuths Frau und Kinder wurden 1946 aus Schlesien vertrieben und kamen nach Sachsen.

Möbelgeschäft 1984

Unter den Polen war in der Schuhbrücke 61/62 zunächst ein Möbelgeschäft, danach ein Motorradgeschäft untergebracht. Jetzt (zumindest 2006) steht alles leer.

Aufgeschrieben von Maria-Christine Meske, geb. Ohagen, November 2007

 

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