Blüten und Dorn
- vorwiegend leise –
Helmuth Ohagen
22.11.1888 – 27.12.1945
- Zwei Bilder
- Du musst darum nicht traurig sein
- In milchig grauem Nebel liegt die Stadt
- Ew’gen Licht
- Tauwetter
- Am Kreuz
- Sehnsucht nach Vergangenem
- Lied des freiwilligen Arbeitsdienstes
- Menschen
- Dornenkrone
- Sinn in meinem Leben
- Sursum corda
- Feige Gedanken
- Zum 75. Geburtstag
- Es will wieder einmal Frühling werden
- Totensonntag
- Muttertag
- Mein Lebenswerk
- Weihnachten
- Zum Jahreswechsel
- Nachruf
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Zwei Bilder geb’ ich dir, die sind bekannt dir beide.
Wenn in dem einen Hause in der großen Stadt
Dich Sorgen quälen, schnür dein Reisebündel
und flieh aus lautem, trubelvollen Treiben
hinauf in stiller Berge tannenduft’ge Gründe.
Hier steht das kleine Haus, das du dir aufgebaut.
Und wenn dir auch dein Bau zum Ärger wurde,
bedenke, dass des Lebens ungemischte Freude
den Sterblichen noch nie gegeben wurde.
Geh durch die Wälder, sieh die Sonnenstrahlen
auf weichem Moose spielend sich ergötzen
und lass der kleinen Vögel muntres Singen
dir volle Lebensfreude bringen.
Für (Groß-) Vater, Strickerhäuser, den 30.12.08
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Du musst darum nicht traurig sein:
dass unser Erdenleben schwindet,
und niemand unsre Spuren findet –
so denkst du doch - dich trügt der Schein.
Sieh! In das stille Wasser fällt ein Stein,
kaum sichtbar erst , doch bald in weitem Bogen
hat der versunk’ne Stein über die helle
kristall’ne Fläche eine sanfte Welle
bis an das ferne Ufer gezogen.
So ist’s mit unserm kurzen Erdenleben:
durch jedes Aug’ in Auge, jedes kleinste Wort
wirkt unsre Wesensart in andern Menschen fort.
Ja, wenn man einem Freunde nur die Hand gegeben,
das ist der Stein, der in das Wasser fällt –
und seine Kreise schließen ein die Welt!
03.01.1932
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In milchig grauem Nebel liegt die Stadt.
Kaum dringt ein Lampenschein zu mir mit trüber
verblich’ner Flamme geisterhaft und matt.
Wie Schatten gleiten Mensch um Mensch vorüber -.
Durch lärmgedämpfte Straßen geht mein Schritt:
wie ist mir diese weiche Stille lieber!
Ich denke nach, woran mein Leben litt:
wie Schatten gleiten Freund und Feind vorüber -.
Und Zukunft und Vergangenheit versinkt.
Ich steh’ der Gegenwart froh gegenüber
und dankbar fühl ich, wie mir Rettung winkt:
die ew’ge Gegenwart geht nie vorüber.
Den Augenblick verstehe, der ist dein!
Begreifst du das, dann meisterst du das Fieber
der stummen Angst um dein Verlassensein –
und gleitest lächelnd an der Welt vorüber.
22.01.1932
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Nur das nicht, du mein Gott, das nicht:
dass meine Seele bei dem letzten Herzschlag zage,
festklammere sich an ihrem letzten Erdentage
voll Todesfurcht vor deinem ew’gen Licht!
24.01.1932
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Tauwetter
Auf den Bächen schmilzt das Eis,
denn die Sonne brennt schon heiß,
und sie freut sich, strahlt und lacht:
„hab ich das nicht fein gemacht,
so über Nacht?“
Hat sie’s denn so fein gemacht,
dass die grüne Frühlingspracht
lustig bald aus Busch und Baum
vorlugt wie ein Kindertraum? –
man glaubt es kaum.
Wie ein holder Kindertraum
bilden Feld und Waldessaum
bald nur einen Blütenstrauß!
Tür auf, Mädel, komm heraus,
komm aus dem Haus!
Frühling, und nicht fröhlich sein?
In dem jungen Sonnenschein
sprengt der Bach das müde Eis,
blüh’n wohl nicht nur Knospen leis
auf – wer weiß?
18.03.1932
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Was einst am Kreuz in Golgatha
des Menschen Sohn für Weh geschah,
das wollt besiegen alles Hassen:
„Warum hat mich mein Gott verlassen?“
Doch heut noch höhnt die Pöbelschar
und Dornenkronen trägt im Haar,
wer nicht zum Tanz ums goldne Kalb
im Reigen steht. Warum? Weshalb?
Die Frage quält und will ans Licht –
doch eine Antwort seh’ ich nicht.
Blind wütet’s vor des Kreuzes Stamm:
„Nicht Jesum! Wir woll’n Barnabam!“
Noch heut wäscht manch einer seine Hand
in Unschuld, der das Recht erkannt
und doch das Unrecht lässt gescheh’n,
weil er zu feig zu widersteh’n.
Und so geht’s fort im Weltenlauf. –
Wann steigt der lichte Morgen auf,
der uns Erlösung ahnen lässt,
der Menschheit wahres Osterfest?
26.03.1932
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Sehnsucht nach Vergangenem
Mein Junge kam: “Vater, die Uhr geht zu schnell,
sie zeigt schon auf ‚acht’ und es ist noch ganz hell!“
Ich sah so mit halbverlorenem Blick
nach der Uhr – „na, dann stell halt die Zeiger zurück,
eine ganze Stunde, ‚s ist eben sieben“ –
dann sind die Gedanken mir hängen geblieben:
Ich dachte mir aus: ach, wäre das schön,
könnte so leicht man die Zeit zurück dreh’n,
so um runde zwanzig Jahre zurück:
wir alle lebten noch mitten im Glück
und wussten gar nicht, wie gut es uns ging
und dass uns der Himmel voller Geigen hing.
Dann kam der Krieg. Wir zogen hinaus.
Vier lange Jahre hielten wir aus
um gegen Not und des Krieges Schrecken
mit unserem Leben Deutschland zu decken.
Und doch waren alle Opfer nichts wert
als Verrat in der Heimat die Herzen verheert.
Dann kam die jahrzehntelange Pein,
da man sich schämte, ein Deutscher zu sein,
bis endlich doch kam ein Aufersteh’n:
unser Vaterland darf nicht untergeh’n! –
„Mein Junge, lass nur. Die Uhr geht vor,
sie zeigt in die Zukunft, sie reißt empor!
Nicht lange mehr währt es, dann werden wir frei,
dann fallen die Ketten der Sklaverei,
dann fällt das Jahrzehnte geschleppte Joch,
dann tragen wir wieder die Köpfe hoch,
dann steht in alter Herrlichkeit da
des heiligen Deutschlands Gloria!“
09.05.1932
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Lied des freiwilligen Arbeitsdienstes
(Melodie: „Wohlauf, Kameraden“)
Wir ziehen auf tausend Straßen einher,
des neuen Deutschland Soldaten.
Heut einzelne Wogen, doch bald ein Heer
hellblinkender Hacken und Spaten.
Wir woll’n unsere Heimat von Not befrei’n,
reich die Hand Kamerad, komm in unsere Reihen.
Wir zanken und politisieren nicht,
wir wollen gemeinsame Arbeit,
dass endlich der Einigkeit Morgenlicht
besiege Neid, Hass und Gemeinheit.
Gemeinsame Arbeit, gemeinsame Pflicht!
Das ist unser Wahlspruch und anderes nicht!
Die Fahne wertschaffender Arbeit schart
zur Tat um sich alle Berufe,
und ist unser Weg auch steinig und hart,
er steigt doch von Stufe zu Stufe.
Wir marschieren vereint und Hand in Hand
Und schaffen das einige Vaterland!
25.07.1932
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Was sind wir Menschen doch für große Schafe!
Das Leben, das der Herrgott und so schön erdacht,
das uns mit tausend Blumen, tausend Freuden lacht,
verwandeln wir uns raffiniert in Strafe,
und ruhig kostende, so recht brave
Genießer sind wir nur im Schlafe.
Statt dessen lechzen wir nach leerem Schaume,
und eh’ uns nicht die Peitsche um die Ohren knallt
und uns zu Bette hetzt, macht man nicht halt.
Und dabei weiß man, dass die beste Pflaume
nur reift in der Beschaulichkeit grün-schatt’gem Baume,
sonst nur im Traume.
Am tollsten dabei ist, dass ich begreife
vollkommen diesen blöden Affentanz
und trotzdem weiter so mit Kunz und Hans
mitbrülle in des Mob Gekeife –
anstatt still und vergnüglich meine Pfeife
zu nehmen und mit schlemmerhafter Reife
zu träumen in des Rauches blaue Schleife -.
19.07.1933
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Durch den Alltag bin ich gegangen –
golden glänzte jedes Blatt,
süßer dufteten die Blumen
und Rosen leuchteten wie deine Augen.
Alle meine Wege waren sonnenbeschienen durch dich.
Freilich: ich feiere keine Feste,
aber täte ich’s: der lauteste Jubel
würde still – verrecken – sterben –
in dem brennenden Schmerze,
der mit Tigerkrallen mein Herz zerreißt,
würde ertrinken in dem Tränenschleier,
der mit die Sonne verhängt, seit du von mir gingst!
Nun fehlt nur noch Eines,
dass mein Leben zerklirrte wie ein schlechtes Glas,
das dem Meister misslang,
und er wirft es zum Kehricht:
dass deine Liebe müde geworden,
sich von mir löste
wie das herbstliche Blatt von dem Baume,
der ihm doch Kraft gab,
nur das Eine noch ist’s,
das meinem Leben fehlte,
die Dornenkrone zu schließen.
15.08.1933
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Und Blumen, lauter blütenbuntes Blühen
quillt nun empor um alle unsre Pfade –
und ist doch keine aus dem großen Garten
so reich und köstlich wie dein liebes Auge.
Und Vogelsang und Orgelchor und Geigen,
sie alle tönen nicht so voll und rein
wie der in Ewigkeit verbund’ne Klang
von unsrer Herzen lautrer Harmonie.
Und Flüsse, Meere, Täler breiten sich,
und ist doch keines tief wie unser Glaube,
wie das Vertrauen in unsre tiefe Treue,
in unsre Wahrheit und in unsre Liebe.
Und Berge sehen wir vor unsrem Wege.
Ist keiner doch so hoch wie unser Hoffen,
dass wir des Lebens Kampf mit Herz und Hand
gemeinsam wandernd sieghaft kämpfen werden.
So gib mir deine liebe, liebe Hand!
Ich halte dich, du Sinn in meinem Leben.
Hab ich nur dich, was kann die Welt mir geben,
du meines Herzens heil’ges Heimatland.
22.01.1934
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SURSUM CORDA !
Eisnadeln jagen vor dem Winterwind!
Was sind wir Menschen doch für arme Hunde!
Da lebt man nun und sehnt sich Stund um Stunde
nach einem Herzen, das man dann – nicht – findet -.
Und breitet in die immer leere Weite
die Arme aus und wär’ so herzensfroh,
trüg Ähren man nach Haus und nicht nur Stroh,
das man enttäuscht und müde legt beiseite.
Da sät man Sehnsucht, Zärtlichkeit und Treue,
und wenn man glaubt, der Tag der Ernte naht,
wuchs Dorn und Distel auf statt goldner Saat,
und bleibt nicht übrig, als nur Schmerz und Reue,
dass man unfruchtbar Land für Acker hielt,
und dass man wiederum mit leeren Händen
und heißem Herzen zwischen kahlen Wänden
nur seines Lebens Sinnlosigkeiten spielt. –
Und doch: es kann nicht ewig Winter bleiben!
Der neue Frühling bringt auch neue Saat.
Hoff’ nur mein Herz! Vielleicht, dass auch dir naht
der Kranz der Blüten, die dir Früchte treiben!
03.02.1934
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Feiger Gedanken bängliches Schwanken,
ängstliches Zagen, weibisches Klagen
wendet kein Unglück, macht dich nicht frei.
Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten,
nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen
rufet die Arme der Götter herbei.
Ostern 1939
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Wir sind alle zu nicht mehr verpflichtet,
als dass einmal von uns gesagt werden kann:
„Wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen.“
Ostern 1939
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Zu Großmutters 75. Geburtstag
Im Paradiese war’s, und Gott der Herr
betrachtete sein Werk und war zufrieden.
„Und siehe“ heißt es, „es war alles gut“:
die Sonne schien, ein bunter Vogelchor
sang süß und weich, die Blumen dufteten,
und Früchte hingen an den vollen Zweigen.
Am Bache lagerten die Tiger und das Lamm,
und Friede – Friede war in der Natur.
Durch gold’ne Gärten lenk den frohen Schritt
- Hand lag in Hand, und Auge ruht in Auge –
das erste Menschenpaar und wandelte mit Gott,
in Gott, zu Gott und selber ähnlich Gott,
und der Erkenntnis Baum in seiner Pracht
lockt anfangs sie vergebens, denn das Herz
des ersten Menschenpaares war so ohne Arg,
weil es noch keine Not zu tragen hatte.
Doch grad verbot’ne Früchte schmecken süß –
der Sündenfall verstrickte sie in Schuld,
Schuld trug Erkenntnisfrucht, Erkenntnis brachte Not,
und Gottes Zorn trieb sie aus Gottes Garten.
Der Fluch erfüllte sich, und um so mehr,
je mehr der Menschen Zahl zur Masse wuchs.
So gehen wir durch’s Leben fluchbeschwert
Im Ringen um Erkenntnis in der Not - .
Und wenn wir ganz am Ende unsrer Kraft,
dann steigt das Flehen auf zum Paradies
und fliegt zum Firmament, wo hinter Sternen
der Garten Eden blüh’n und duften mag.
Und wenn der Herrgott dann hernieder blickt
und sieht das heiße Ringen nach Erlösung,
erbarmt er gnädig sich der Menschenkinder,
schickt einen Stern hinab in unsre Nacht
und damit Licht und Hoffnung und die Liebe.
05.02.1939
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Es will wieder einmal Frühling werden
Oh Seidelbast, oh Seidelbast,
wie du dich doch verändert hast!
Noch vor acht Tagen still verschneit
im abgetrag’nen Winterkleid,
bist du erwacht aus stummem Brüten
und prahlst in knall-süßlila Blüten. –
Kein einz’ger Baum steht mehr verzuckert,
in jedem Graben quillt’s und gluckert’s –
das Eis alltäglich mehr verschwind’t,
dieweil’s als Bach ins Tale rinnt,
und seines Wegs geht man fast ganz
aufrecht und ohne Eiertanz. –
Die linden Lüfte sind erwacht –
der Regen rauscht – die Sonne lacht –
die Vögel sind nicht mehr verdattert,
das huscht und jagt sich, piept und flattert,
die Hunde spiel’n im Sonnenscheine
und fahr’n dem Wandrer in die Beine,
die Kinder woll’n auch nichts verpassen,
bevölkern mit Getös’ die Straßen. –
So treibt ein Keil den andern Keil. –
Schluss ist’s mit Schi- und Rodel-Heil,
allmählich hört man auf zu heizen,
beschäftigt sich mit andern Reizen:
die Mädchen geh’n im kurzen Kleid
und freu’n sich auf die Sommerzeit,
die Jünglinge geh’n hinterher
und blicken feurig kreuz und quer –
kurzum: ein neuer Kreis begann –
der Schwindel fängt von vorne an.
09.04.1942
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TOTENSONNTAG
Am kahlen Aste friert das letzte Blatt.
Grau ist der Himmel, bleich der Sonne Licht,
die – ach so selten – durch die Regenschauer bricht.
So seh’ ich meiner Väter Ruhestatt,
zu der mich über herbstlich-kahles Land
aus weiter Seele zieht der Seele Band.
Ich seh’ im Geist die altersgraue Mauer,
den dunklen Stein auf der Familiengruft,
in deren dämmrig-schweigend ernster Kluft
zu Ende kamen Leben, Lust und Trauer.
Wie schwer ein Leid, wie heiß ein Glück gefühlt –
da unten wurde jedes Herz gekühlt.
Und ich? Und du? Wir sind am Leben noch,
das uns stets grau und bunt begleitet –
doch wo wir sind – es wartet still bereitet
die letzte Ruhestadt – ein Mauerloch.
Das ist der Schluss, wenn alles andre schwand –
und bleibt halt doch ein Stückchen Heimatland. (undatiert)
Wie ist das Leben doch so tausendschön!
Wie schön, kann man im Alter erst versteh’n,
wenn man nicht mehr nach bunten Wundern späht,
wenn unsre Sehnsucht langsam schlafen geht.
Im blassen Nebel schwindet Sonnengold:
wie wenig ist erreicht – wie viel gewollt,
wenn unter grauem Haar man lebenssatt
nur Sehnsucht einzig noch nach Sehnsucht hat.
undatiert
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Zum Muttertag
Er hat der Mutter Herz genommen,
ist in den finstren Wald gekommen,
und bei dem qualgepeitschten Jagen
ist jäh zur Erde er geschlagen.
Das Mutterherz in seiner Hand
Doch weiter nichts als Liebe fand
und leise flüstert’s in den Wind:
tat’st du dir auch nicht weh, mein Kind?
Wohl tat ich mir oft bitter weh,
und, ach, so oft durch Tränen seh’
ich dieser Erde Nessus-Kleid.
Und doch: in allem Herzeleid
hielt eines fest und unverwandt:
das Mutterherz, die Mutterhand.
Und war auch noch so schwer die Pein:
mir half dein himmlisches Verzeihn!
Dass endlich ich vergelten kann,
was ich von Weh dir angetan!
undatiert
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Ich setze meinen Stecken in die Welt
und ziehe weiter meine alten Bahnen,
und hoffe sehnend auf den einen Tag,
der mir den Frieden endlich bringen soll,
der bei den Menschen heißt: „der jüngste Tag“.
undatiert
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Nun ist wohl meine Lebensfahrt zu Ende,
die Lebensfahrt! Mein Lebenswerk ist’s nicht.
Ich hob vielleicht die unruhvollen Hände
zu einem unerreichbar fernen Licht.
Was tut’s – die gold’ne Erde blüht und duftet,
auch wenn wir Menschen nicht mehr auf ihr sind,
die wir im Dunst des Augenblicks verkluftet
so lächerlich gleichgült’ge Wesen sind.
Und doch: wenn ich versunken, meine Lieben,
dann glaubt, dass ich das Beste stets gewollt.
Ins Buch des Schicksals war mir’s nicht geschrieben,
dass ich erreichte, was ich wohl gesollt.
Ich weiß: mein Acker hatt’ viel Dorn getrieben,
doch dafür hab ich den Tribut gezollt –
jetzt sollt’ er Früchte tragen –
ich wär so gern geblieben – aber der Wagen rollt -.
Dezember 1945
nach oben
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Weihnachten 1945
Nach Jahren solchen Leid’s hilft nicht Philosophie,
nicht noch so überzeugen-wollende Gebärde –
hier hilft nur wahre Demut bei gebeugtem Knie:
Gib, Herr, den Frieden wieder der gequälten Erde!
Zerreiß mit deiner gnadenreichen Segenhand,
die uns vernichtete, der Lüge Schicksalswolke,
Lass neuen Frühling wieder blühen unserm Volke
und Sonnenhoffnung diesem sturmerstarrten Land!
Und so wollen wir dies Weihnachtswunder schauen,
mit Kinderaugen blicken auf die Kerzen,
die Flamme seel’ger Zuversicht im Herzen:
des Herrgott’s Zuversicht kennt kein ew’ges Grauen!
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Zum Jahreswechsel 1945/46
Noch kniet das junge Jahr vor Gottes gold’nem Thron,
nun küsst und segnet er’s – nun schwebt es durch die helle
die sonnbeglänzte Bahn zur blauen Himmelsschwelle
hinab zur Menschenwelt – und mit ihm Leid und Lohn.
Sei uns willkommen hier, du kinderjunges Jahr!
Teil Lust und Lasten aus, wie Gott sie uns gesandt.
Wir nehmen dankbar sie aus seiner Vaterhand –
Mit Ihm nun an die Arbeit: mutig, treu und wahr!
Das ist der Kern: von Lug und Schuld befreit
kommt auch für uns wohl wieder lichte Zeit!
04.12.1945
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An Helmuth
- Auszug aus seinem Nachruf –
Nun musste dich der Sturm auch fällen,
der seine Unheilsbahnen zieht.
Der Holderbusch ist nun verblüht,
die Welt ist öde, kalt und leer.
Ich zieh’ nun meines Wegs daher
als letzter der Gesellen!
Das Vöglein wird nun nicht mehr singen,
das einst an unsrem Weg entlang
so manche lichte Stunde sang –
und die Gesellen schweigen auch,
und nimmer wird ein warmer Hauch
mir das Verlor’ne wiederbringen.
Kann dir nun auch die Zähre weih’n
und seh’ durch ihren Glanz es schimmern
in schmerzlich seligem Erinnern,
hör frohes Lachen, Gläserklingen,
seh’ Augen leuchten, hör uns singen:
es muss ein Traum gewesen sein!
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Da draußen lacht der erste Mai,
und singend seh’ durch alles Blühen
ich wieder Menschen wandernd ziehen
doch in mir ist ein wehes Fragen
da sie dich auch hinaus getragen,
als ob es Totensonntag sei.
Von Onkel Gottl (Christian Gotthart Hirsch), 01.05.1946
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