rausgeschmissen |
| Posted by Administrator (admin) on 07.01.2008 |
Eine Dokumentation des
Zeit-Geschichte(n) e. V. – Verein für erlebte Geschichte
13 Erinnerungen an Flucht und Vertreibung
Inhaltsverzeichnis
| Vorwort | 4 |
| Adolf Bienert Sudetenland Ausgewiesen – wer nimmt uns auf? | 7 |
| Charlotte Dreßler Schlesien Rausgeschmissen – etwas anderes war es nicht | 23 |
| Wolfgang Gottschlich Schlesien Marschziel: Heimat >> weiter zur LESEPROBE............................................. | 32 |
| Gerald Grohmann Sudetenland Unsere Vertreibung und die Zeit danach ............................. | 68 |
| Horst Hähnel Schlesien Glück gehabt .......................................................................... | 76 |
| Christina Kunert Sudetenland In 10 Minuten die Wohnung verlassen .................................. | 93 |
| Wolfgang Kupke Schlesien Hier alles polnisch .................................................................. | 98 |
| Käte Schumann Schlesien Mit 11 war meine Kindheit zu Ende ...................................... | 127 |
| Gertrud Stiehl Sudetenland Von Mährisch-Ostrau nach Magdeburg .................................. | 137 |
| Olga Teichert Schlesien Ein Brief an die Mutter ........................................................... | 144 |
Lothar Teschke Westpreußen | 155 |
| Annegret Weinert-Engel Schlesien Unser Schutzengel führte die Lok aus der Gefahr ................ | 186 |
| Grete Wollny, geb. Filbrandt Pommern Mit meinem pommerschen Dickschädel habe ich es geschafft! .. | 195 |
Auszug aus den persönlichen Erinnerungen von Wolfgang Gottschlich
Marschziel: Heimat
Autor: Wolfgang Gottschlich
Unsere Mutter mit ihren vier Kindern 1941
Verlassen der Stadt Breslau am 26. Januar 1945
Dieses Foto hatte Vater im Krieg und in Gefangenschaft immer bei sich und kam mit ihm 1948 aus Usbekistan zurück. Erinnerungen eines Breslauers Mitte Januar 1945 hatte die Großoffensive der Sowjetarmee im Weichselbogen Richtung Deutschland begonnen, wie in den "Breslauer Nachrichten" zu lesen war. Wir aber, mein elfjähriger Bruder, ich als Zwölfjähriger und unser dreizehnjähriger Freund KarlHeinz, konnten das erste mal in einem Winter mit der Straßenbahn in die Stadtmitte zum Schlittschuhlaufen auf dem Stadtgraben an der Liebichshöhe fahren. Endlich waren tiefer Frost und Schnee gekommen. Darauf hatten wir seit Weihnachten gewartet, weil wir Heiligabend Schlittschuhe bekommen hatten. Auf der Eisfläche Jubel und Trubel von fast ausschließlich Schülern aller Altersklassen - so etwas hatten wir noch nicht gekannt. Doch bald lernten wir in diesem Monat noch mehr kennen...
Das vierstöckige Wohnhaus, in dem wir wohnten, befand sich in der Matthiasstraße, der Ausfallstraße der Stadt Richtung Osten. Das war etwa 200 Meter entfernt von den Oderbrücken. Von dort kamen eine Woche später ununterbrochen Pferdegespanne mit und ohne Planen. Darauf saßen schweigend tief vermummte, von Schnee und Rauhreif bedeckte große und kleine Gestalten; dazwischen auch Wehrmachtsfahrzeuge, vereinzelt Panzer. Bei Halt wurden sie von Kindern und Jugendlichen umringt. Eines Tages brachte Bruder Arno Margarinewürfel mit, welche von den Soldaten verteilt wurden. Ich selbst begab mich nicht auf die Straße und las täglich die neuesten Zeitungsmeldungen zu den Kriegsereignissen in Schlesien und anderswo und spielte allein "Mensch ärgere dich nicht" mit zwei Farben, grün und rot, das waren die Deutschen und Russen. Wer gewann, der würde diesen Krieg gewinnen. Mit solch einfältigen Gedanken versuchte ich, unser Schicksal zu erforschen. Das war für uns der erste Eindruck des Herannahens von Krieg in unsere Stadt. Eines Tages die Zeitungsüberschrift: "Breslau wird Festung". Dazu eine Reihe von Befehlen und Bekanntmachungen des Festungskommandanten und der Gauleitung Niederschlesien der NSDAP.
Wenige Tage später die Radiomeldung: "Hier spricht das Gaupropagandaamt: Frauen und Kinder verlassen die Stadt in Richtung Opperau/Kanth." Dazu irgendwelche Hinweise. Das geschah von nun an täglich und stündlich. Immer wieder die gleichen Gerüchte: In den schneeverwehten Straßengräben auf den Landstraßen liegen erfrorene Kinder und Säuglinge. Die Bahnhöfe der Stadt sind vollgestopft mit Flüchtlingen, darunter immer mehr Breslauer. Leidtragende sind oft wieder die Kinder. Beim Stürmen auf die einlaufenden bzw. ab fahrenden Züge werden Familien auseinander gerissen, verletzt oder erdrückt.
Der Entschluß unserer Mutter: wir gehen nicht fort, sterben können wir auch daheim. Solche Diskussionen, bleiben oder nicht, fanden ständig im Treppenhaus zwischen den Bewohnern statt. Dann lief man unschlüssig auseinander, und bald danach gab es erneut erregte Gespräche auf der gleichen oder einer anderen Etage. Tag für Tag: Bei uns kommt der Russe zuerst, weil hier die Brücken sind.
Neue Parolen: Auf der anderen Straßenseite, wo die Häuserzeile aussetzte, soll das Eckhaus wegen Schußfreiheit gesprengt werden, auch die Brücken werden gesprengt.
Plötzlich stand zu unserer unbeschreiblichen Freude Vater in der Tür, Soldat seit 1939. Er kam zum Genesungsurlaub aus Sommerfeld und wußte bereits, daß er die Festung nicht mehr verlassen darf.
Neue Aufregung: ein Pionieroffizier erschien eines Tages zur Hausbesichtigung. Vater sprach mit ihm, über was, erfuhren wir Kinder nicht. Er redete der Mutter und unserer nebenan wohnenden Oma zu, Breslau zu verlassen. Mutter blieb aber bei ihrem Standpunkt, auch gegenüber dem NSDAP Blockwart, der unsere kinderreiche Familie, ein Mädchen, drei Knaben im Alter von fünf bis zwölf Jahren, aufsuchte. Aber es gelang ihm, einen kleinen Lieferwagen aufzutreiben, und am Freitag, dem 26. Januar 1945 verließen wir mit diesem die Stadt.
Im Laderaum waren außer Mutter, Oma und uns vier Kindern noch eine oder zwei Frauen mit Kind, dazu Handgepäck. Im Beifahrersitz saß der Blockwart. Wir fuhren 30 km bis zum Bahnhof Liegnitz. Der Blockwart kehrte nicht mehr nach Breslau zurück, wie wir von unserem Vater erfuhren, als wir später von ihm aus der Festung Post erhielten.
Jetzt war große Ratlosigkeit, es fuhren keine Züge in Richtung fahrenden Züge werden Familien auseinander gerissen, verletzt oder erdrückt. Der Entschluß unserer Mutter: wir gehen nicht fort, sterben können wir auch daheim. Solche Diskussionen, bleiben oder nicht, fanden ständig im Treppenhaus zwischen den Bewohnern statt. Dann lief man unschlüssig auseinander, und bald danach gab es erneut erregte Gespräche auf der gleichen oder einer anderen Etage. Tag für Tag: Bei uns kommt der Russe zuerst, weil hier die Brücken sind.
Neue Parolen: Auf der anderen Straßenseite, wo die Häuserzeile aussetzte, soll das Eckhaus wegen Schußfreiheit gesprengt werden, auch die Brücken werden gesprengt. Plötzlich stand zu unserer unbeschreiblichen Freude Vater in der Tür, Soldat seit 1939. Er kam zum Genesungsurlaub aus Sommerfeld und wußte bereits, daß er die Festung nicht mehr verlassen darf.
Neue Aufregung: ein Pionieroffizier erschien eines Tages zur Hausbesichtigung. Vater sprach mit ihm, über was, erfuhren wir Kinder nicht. Er redete der Mutter und unserer nebenan wohnenden Oma zu, Breslau zu verlassen. Mutter blieb aber bei ihrem Standpunkt, auch gegenüber dem NSDAPBlockwart, der unsere kinderreiche Familie, ein Mädchen, drei Knaben im Alter von fünf bis zwölf Jahren, aufsuchte. Aber es gelang ihm, einen kleinen Lieferwagen aufzutreiben, und am Freitag, dem 26. Januar 1945 verließen wir mit diesem die Stadt. Im Laderaum waren außer Mutter, Oma und uns vier Kindern noch eine oder zwei Frauen mit Kind, dazu Handgepäck. Im Beifahrersitz saß der Blockwart. Wir fuhren 30 km bis zum Bahnhof Liegnitz. Der Blockwart kehrte nicht mehr nach Breslau zurück, wie wir von unserem Vater erfuhren, als wir später von ihm aus der Festung Post erhielten.
Breslau, Sonnabend, 2. Juni 1945
Wir sind um 6 Uhr losgefahren. Mittags hat Mutti Essen gekocht. Nachmittags kamen wir in Breslau an. Wir sahen nirgends ein ganzes Haus. Bei der Tante Emma sagte man uns, daß die Tanten bei uns wohnen. Da haben wir uns sehr gefreut. Auch haben wir uns gefreut, daß unser Haus ganz war. Die Hausbewohner haben sich gefreut, daß wir gesund ankamen. Tante Emma hat gleich Kaffee gekocht. Dann aßen wir Pfannkuchen, die Tante Ida und Tante Anna brachten. Franz hat sich auch gefreut, daß wir da waren. Frau Schönfelder brachte uns jedem ein Stück
Kuchen. Unsere Fahrt dauerte 18 Tage. Von Breslau waren wir 128 Tage weg. Bald nach unserer Ankunft in Breslau habe ich die Aufzeichnungen von den Zetteln in Reinschrift in ein leeres Schulheft übertragen. Dieses Heft besitze ich noch heute.
Die täglich zurückgelegten Kilometer sind mitunter geschätzt. Ortseingangs und -ausgangsschilder fehlten manchmal in diesen Nachkriegstagen. In den Orten, die wir durchzogen, klebten immer wieder Plakate mit gleichem längeren Text an den Häuserwänden. Die erste Zeile lautete in großer Schrift "Bekanntmachung", "Aufruf" oder so ähnlich. Vom Inhalt habe ich eine Formulierung behalten, ich glaube sogar wortwörtlich. Sie lautete: "Hitlers kommen und gehen. Das deutsche Volk aber, der deutsche Staat, bleibt."
Das empfand ich Zwölfjähriger irgendwie tröstlich, weil ich dachte, "also können die Russen doch nicht so schlimm sein, wie man uns jahrelang in der Hitlerzeit in Zeitungen und Rundfunk berichtete". Die letzte Zeile lautete: "Generalissimus Joseph Wissarionowitsch Stalin".
Der übrige Text berichtete von Festlegungen der vier alliierten Siegermächte. Natürlich haben wir kein einziges Mal wegen eines solchen Plakates angehalten, aber es geschah mitunter wegen eines Haltes zur Orientierung oder weil wir einfach mal müde waren. Dabei setzten wir uns nicht ein einziges Mal an den Straßenrand oder entfernten uns auch keinen Meter von dem Wagen. Jeder blieb still. Bei niemandem von uns Sechsen gab es Klagen - etwa "wie weit heute noch?", "ich kann nicht mehr", "wie weit ist es noch nach Breslau?", "wann fahren wir mit dem Zug", "ich hab Blasen an den Füßen" oder "die Schuhe drücken", "ich hab Hunger (oder Durst)". War gerade Mittag, gab es etwas vom selbstgebackenen, sogenannten Pumpernickel oder ein Stück Brot und einige Schlucke Malzkaffee.
Oktober 1946
Im Oktober 1946 verließ ein kleiner Troß mit etwas Habe die Hausdurchfahrt der Matthiasstr.187. Auf der Fahrbahn der Matthiasstraße, die inzwischen in Stalinstraße umbenannt worden war, ging es links ins Stadtinnere. Das Ziel war eine Schule in der Paradiesstraße/ Ecke Feldstraße - die Sammelstelle. Dort stand am Eingang "Halt" und die Nachricht "das Lager ist voll", das hieß Umkehr. Das geschah von allen ohne Aufregung, auch das nochmalige Betreten des Hauses "187" und der Wohnung. Von dieser hatte Mutti übrigens den Zweitschlüssel mitgenommen. Im Schloß fand sie noch den Erstschlüssel vor. Doch bereits in der nächsten Woche wiederholte sich unser "Abgang".
Diesmal erfolgte Zugang zur Schule und Aufenthalt für eine Woche. An diese Tage fehlt mir jegliche Erinnerung, außer dem Tag des Verlassens dieser Schule. Das war am Dienstag, dem 5. November 1946, am frühen Nachmittag bei trübem Wetter. Wir bekamen zuvor jeder ein kleines grünes Kärtchen, welches an der Kleidung, nach Möglichkeit an der Kopfbedeckung, zu befestigen war. Ein banger Augenblick war das Vorbeifahren an der polnischen Milizkontrolle an der engen Hausdurchfahrt. (Die Schule befand sich auf dem Hof, die Straßenseite war ein Wohnhaus.) Aber es gab nur ein scharfes Anblicken durch junge, bewaffnete Milizangehörige, welche an beiden Seiten standen.
Erleichtert ging es auf der Straße weiter inmitten einer langen Handwagenkolonne zum Freiburger Bahnhof. Hier stand ein langer Güterzug außerhalb der Bahnhofshalle an einer großen Umschlagsfläche mit zum Glück bedachten Waggons (fiel uns doch gleich wieder der Regentag und die Nacht auf dem Bunzlauer Bahnhof ein). Einige waren bereits besetzt. Bei einem leeren Wagen dann Halt und Abladen. Beim Einsteigen und Hineinheben des Gepäcks gab es keine Hektik oder heftigen Wortwechsel betreffs Platzbelegung in bezug "wer - wo - wieviel". Es herrschte Schweigen wie beim Betreten einer Straßenbahn. In der Waggonmitte stand ein kleiner "Kanonenofen", welcher an dem kühlen Herbsttag bald seinen Dienst antrat, später auch als Kochstelle. Wir Jungens brachten den leeren Wagen zu den vielen anderen an der Einfahrt zurück. Beim Rückweg kamen uns Leute mit einem zweirädrigen Planwagen entgegen. Es wurde geflüstert, hier sei jetzt eine alte Frau gestorben.
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Fotos: alle privat
ISBN 3 – 9808120 – 1 – 4
Last changed: 07.01.2008 at 19:30
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