Bilder sprechen Bände . . .
Eine Fundgrube diese Bilder, ein Zeitkolorit wobei jedem alten Breslauer das Herz aufgeht. Ohne die LHW persönlich zu kennen, kann man das allgemein Gültige aus dem Geschehen herauslesen. Gedanken kommen und man erinnert sich wieder wie es damals war. Die Bilder sind Zeugen einer lausigen Kriegszeit, die schon so lange andauerte. Ich sehe sie mit den Augen dieser Zeit. Auf Kleiderkarte gab es kaum noch Kleidung. Die Kinder tragen hier alle Kleidchen und Höschen, die Mütter, Tanten oder Omas selbst genäht haben aus alter Kleidung von irgend wem. Ich kann das ganz deutlich erkennen. Junge Frauen/Mädchen und Männer, die noch einen neuen Stoff ergattern konnten, tragen nun Kostüme und Anzüge aus Nadelstreifenstoff, wie viele andere auf der Straße auch. Ausgebombte aus dem Rheinland, die in Massen nach Schlesien evakuiert wurden, bekamen allerdings auf Bezugschein schönen bunten Kleiderstoff, was wiederum die Augen bei Breslauer jungen Mädchen größer werden ließ. Wenn die seidenen langen Strümpfe so oft gestopft worden waren, dass die Stopfer hinten aus dem Schuh lugten, dann gab es ein feines Mittel, um aus der Not eine Tugend zu machen. Man bestickte mit schwarzem Stopfzwist, so er zu haben war, den hinteren verstärkten Teil des Strumpfes mit Kreuzstich und manchmal die Strumpfnaht gleich mit. Schon hatte man einen neuen aparten Strumpf, dem männliche Wehrmachtsaugen nicht widerstehen konnten. Und Hüte, die gab es ohne Kleiderkarte und Bezugschein. Stroh gab es genug. Viele Frauen trugen sie, um von ihrer dürftigen Kleidung abzulenken. Junge Frauen trugen Schutenhüte – erikafarben, nach der neuesten Kriegsmode. Erikafarben waren wahrscheinlich vorhanden. Alte abgetragene Kleidung konnte man aufpeppen damit. Mein weißes Konfirmationskleid weiß, wovon ich schreibe. Die jungen Männer mussten sich keine Sorgen machen um ihre Bekleidung, die wurde ihnen umsonst geliefert: in feldgrau, fliegerblau, kakifarben, schwarz oder manchmal auch braun. Bezahlen mussten sie meist mit ihrem Leben, einem Bein oder Arm, mit ihrem Augenlicht. Die vielen verwundeten Landser, die hier mal abschalten können, sind mit Sicherheit aus einem der vielen Breslauer Lazarette eingeladen worden. Man sorgte sich um sie. Schulklassen, Konfirmanden, Jugendverbände, alle besuchten sie im Lazarett und brachten ihnen kleine Geschenke. Zigaretten waren ihnen am liebsten. Mehr oder weniger gerne verzichteten dann Besucher auf einen Teil ihrer fälligen Ration von der Raucherkarte und schenkten das Begehrte. Was war auch schon dieser kleine Verzicht gegen Verlust des Augenlichtes.
Die kleinen blonden Mädchen tragen fast alle einen Hahnikamm (Hahnenkamm) zu ihrer Kurzhaarfrisur. Zöpfe, die kurz vorher noch getragen wurden, waren aus der Mode gekommen.
Man kann auch wahrnehmen, dass keine Leckereien zu sehen sind. Jeder war zufrieden, wenn er zu Hause satt wurde (wenn ...). Auf den Tischen sieht man lediglich Gläser. Getränke konnte man noch auftreiben.
Artig und bescheiden kommen die Kleinen an der Hand der Mutter zum Sommerfest. Erwartungsvoll harren sie der Dinge, die sie schon von weitem sehen können. Da steht ein Karussell, eine Luftschaukel, dort eine Kutsche mit Pferden bespannt, eine Schießbude, da ist eine kleine Bühne, auf der sie später einen Zauberer und Sänger bewundern können. Alles Dinge, die sie vielleicht noch nicht kennen, denn Johannisfest und Volksfeste an der Jahrhunderthalle oder im Volkspark auf den Ohlewiesen oder im Lunapark, das blieb ihnen fremd. Dem 'Totalen Krieg', dem Ernst der Lage musste alles untergeordnet werden. Dem Massensterben an der Front durften in der Heimat keine Volksbelustigungen entgegenstehen. Aber diese kleinen harmlosen Freuden für die Kinder von eingezogenen oder bereits gefallenen ehemaligen Angestellten, die durch Fremdarbeiter ersetzt werden konnten, bei einem Sommerfest intern, die dienten zum Zusammenhalt, zur Tröstung und zum Ausharren bis zum Endsieg. Unbeschwert war dieser Tag für sie und alle Teilnehmer. Eine Militärkapelle spielte flotte Marschmusik für sie und sorgte für Stimmung. Es war ein schöner Tag für die Kinder, den die Linke-Hoffmann-Werke ihnen bescherten.
Aber keiner hier ahnt, was schon an die Türe klopft, was bedrohlich auf sie zukommt. Es werden ihre letzten gemeinsamen unbeschwerten Kinderspiele sein in ihrer Heimatstadt. Sie werden in der Fremde heranwachsen müssen und viel später erst weinen um ihre verlorene Kinderzeit und ihre vertrauten Spielgefährten. Und ihre Kinder wiederum werden vielleicht auf die Suche gehen nach ihren tieferen Wurzeln in Breslaus Kirchen- und Adressbüchern. Vielleicht erkennen sie auch hier unter den Kindern einen ihrer Vorväter wieder, deren Kinderbild sie besitzen.
Lydia Berlin, 17.11.2008