Arnold Ulitz(*1888 in Breslau, +1971 in Tettnang) Das letzte Märchen"Wecket mich erst", befahl der grollende König, "wenn wieder Ruhe auf Erden ist!" - und schlug die goldene Tür seines granitenen Schlafsaales hinter sich zu. Sieben Jahre später, als die Kanonen seit langem verstummt waren, hielt der Oberste der Zwerge die Stunde für gekommen und schlug mit seinem Bergmannshammer dreimal gegen die Tür, die wie Glockenerz läutete. Trotz des gewaltigen Schalls kam kein Zeichen, dass der Schläfer erwacht sei, und der Zwerg öffnete, trat an das riesige Bett und rief: Herr, Herr!" Als aber der König auch jetzt nicht erwachte, griff er zum wirksamsten Mittel, das freilich gefährlich war, und rief: "Rübezahl, Rübezahl!" Ungeheuerlich war das Erwachen des Berggeistes. Im Nu saß er steil aufgerichtet, packte den riesigen Eichenstamm, der als griffbereite Keule neben ihm lag und fragte mit schrecklicher Stimme, wer sich erfreche, seiner im eigenen Schlosse zu spotten. Aber der Zwerg antwortete, ein dreister Traum müsse ihn heimgesucht haben, und hier stehe nur er ganz allein und sei gekommen, ihn zu wecken, denn Ruhe herrsche wieder auf Erden, und das Gebirge leuchte vom goldensten Sommer seit Zwergengedenken. Da lachte der König, so dass die granitenen Wände von seiner Freude widerdröhnten, wie kurz zuvor von seinem Zorn, und er brauste hinauf und hinaus ins Freie, so sehr gelüstete es ihn nach Sonne, nach Bergwind und auch nach den Menschen, die er liebte, obwohl er sie Narren schalt. Und er stand auf dem höchsten Gipfel seines Gebirges, den das Volk die Schneekoppe nennt, blickte mit lodernden Freudeaugen über Berge und Täler und bis in die blaugolden flimmernde Ebene, trank entzückt den Duft der endlosen Wälder und wurde still und sanft vor Wiedersehensglück. Aber die hunderttausend Bäume spürten den König und erhoben ein wildes, frohes Rauschen; die Singvögel schnellten sich ausgelassen in die blaue Luft und schütteten Lieder auf ihn herab, und Bussarde und Häher woben stille Schwebekreise als Girlanden um ihres Gebieters Haupt. "Und wo bleiben die Menschlein", rief er heiter, "ich sehe ja von meinen Menschlein nichts!" Es war noch frühester Morgen, aber er kannte ihren Fleiß und wunderte sich, dass Felder und Wiesen, zu denen er hinabsah, ganz ohne Regung blieben. So brach er auf, um die Menschen zu suchen. Die Bergwinde stoben herbei, damit er auf ihnen zu Tale reite, aber er schickte sie fort, er wolle seinen Füßen die Wonne nicht rauben, endlich wieder den geliebten schlesischen Boden zu spüren, Granit und Schiefer, Waldgrund, Wiese und Moos, und verwandelte sich in ein weißhaariges, krummes Bäuerlein, um durch seine Gestalt niemanden zu erschrecken. Er freute sich auf den ersten Menschen, der ihm begegnen werde und wünschte, es möchte ein ganz hilfloser und verzagter sein; dem wollte er bald helfen, dem wollte er Feuer in den müden Augen anzünden! Das Kräutlein der Verjüngung wollte er ihm schenken, das krumme Rücken wieder streckt, einen Sack voll Blätter für die Ziege wollte er ihm geben, und in der Krippe daheim sollten die Blätter zu Golde werden. So eilte er mit freundlichen Schalksgedanken talwärts. Seltsam, dass er noch immer keinen Menschen traf! Er kam an die erste süße Wiese, da weidete kein Rind, keine Ziege, kein Fohlen, und als er gar das erste Feld erreichte, stand er verwirrt und erschrocken. Ein gnadenloses Wetter musste hier gewütet haben: zerschlagen, verschlammt, verfault lag die vorjährige Frucht am Boden, und kein Pflug hatte in diesem Frühling den Acker berührt. Er ging, nun nicht mehr so eilig, kopfschüttelnd weiter. Ach, was war geschehen? Feld bei Feld, und alle lagen verwahrlost. So betrat er bange das erste Dorf, das noch immer in unheimlicher Ruhe blieb, denn aus keinem Schornstein stieg der blaue Holzrauch, den er so liebte. Es war ein richtiges Dorf und dennoch wieder keines, wie auch ein Leichnam kein richtiger Mensch mehr ist: die Scheiben waren alle zerschlagen, schmutzige Fetzen hingen aus den Löchern, und in Töpfen hinter den Fenstern standen längst verdorrte Blumen. Die sauberen Gärtchen von ehedem wucherten als Dickicht, aus keinem Stalle murrte und mahlte das warme Fressgeräusch. Er hörte kein Wiehern, kein Grunzen, er sah weder Gans noch Huhn; nur verwilderte Hunde und Katzen, die den König auch in der Verwandlung erkannten, liefen winselnd und schmeichelnd herbei. "Wo sind die Menschen?" fragte er, und sie blickten traurig zu ihm auf und duckten sich wie schuldbewusst. Da trat er endlich an eins der Fenster und blickte zwischen den blinden Scheiben hindurch. Hier wohnt niemand, das erkannte er sogleich, nein, hier konnte keiner seiner Menschen wohnen, hier war nur Unrat und Zertrümmerung, und er blickte noch durch viele Fenster, und es grauste ihn vor dem Unbegreiflichen. Er rief mit so lauter Stimme, dass man ihn noch im fernsten Hause hätte hören müssen. Niemand gab Antwort, niemand kam, das Dorf war menschenlos. So schauerlich stumm fand er auch das zweite und das dritte, aber im vierten, das am tiefsten talwärts lag, sah er schon von weitem Menschen und eilte überglücklich hinein. "Nu, nu, Herr Nachbar", sagte er zum ersten Mann, den er traf, "was ist denn mit denen da hinten los, he?" Der Mann starrte überrascht oder vielleicht angstvoll, obwohl er das alte Bäuerlein wahrscheinlich nicht fürchten musste, und stammelte etwas in einer Sprache, die Rübezahl noch niemals vernommen hatte. "Das ist ein Verrückter", dachte der Berggeist und sprach eine Frau an, aber sie versteckte ihr gutmütiges Gesicht erschrocken hinter dem bunten Kopftuch und riet ihm durch eine verstohlene Gebärde zum Schweigen, dann eilte sie scheu davon. Rübezahl stand betroffen und blickte ihr grübelnd nach. Kinder sammelten sich um ihn, und sie sahen so fremdartig aus, dass er sie fragte, ob sie schon immer hier wohnten, aber kaum hatte er ein paar Worte gesprochen, als sie laut schreiend in die Häuser stürzten, und aus alle liefen Männer und Frauen heraus, umringten ihn und schrieen auf ihn ein. Auch von ihren Worten verstand er kein einziges, doch dass sie ihn beschimpften, erkannte er. Und dann nahmen sie Steine und Knüppel und rückten näher. Er hätte sie alle zerschmettern können, aber das Unfassliche verstörte ihn so sehr, und er verwandelte sich in einen Falken und stieß über die Köpfe der Entsetzten hoch in die Luft. Erst als er einen Mann im Walde Reisig sammeln sah, senkte er sich nieder und trat in Gestalt eines Wanderers vor ihn hin, aber ehe er noch ein Wörtlein hatte sagen können, warf sich der Mann, ein klapperdürrer Greis, auf die Knie, hob die Hände wie betend, weinte und flehte gar jämmerlich: "Jagen Sie mich doch bloß nicht fort, bester Herr! Lassen Sie mich doch bloß noch den Sommer dahier, es wird mein letzter sein, ich bin ja 78 alt! Ich wohn ja in keinem Häusel, bloß in einer Höhle, und ich ess Euch ja nichts weg, ich such mir bloß Wurzeln und Kräuter! Ich will doch nicht in die Fremde, ich will ja bloß hier sterben, lieber Herr!" Rübezahl schauderte es, weil auch dieser ein Verrückter war, und er sprach freundlich: "Warum soll ich dich denn fortjagen? Kennst du mich denn? Du tust doch nichts Böses, also bleibe getrost!" "Sind Sie ein Deutscher?" flüsterte der Alte, wirklich ein Deutscher?" Da ergrimmte der Berggeist und schrie den Jämmerling an: "Was soll ich denn sonst sein, du timpliger Gamel?" und erst jetzt, da der Mensch sich auf schlesisch einen dummen Kerl genannt hörte, gewann er Mut und lachte und weinte. "Und jetzt erzählst du mir, was mit euch Verrückten eigentlich los ist…" "Ja, wissen Sie es denn nicht? Wie ist denn das möglich? Und wissen nicht das Schrecklichste seit Erschaffung der Welt?" Er weinte schon wieder, aber so groß war die Wohltat, wieder einmal sprechen zu dürfen, dass er keine Frage mehr stellte, sondern nur vom unfasslichen Unheil erzählte: Schlesien gehöre dem fremden Volk, alle Deutschen hätten fortziehen müssen, und nur er verkrieche sich wie ein Tier, er sei der letzte Deutsche. "Ich will bloß noch daheime sterben", schloss er. Da gab sich Rübezahl zu erkennen und schenkte ihm eine Wurzel, die unsichtbar machte, damit er die wenigen Tage, die ihm beschieden waren, noch angstlos lebe. Und der Herr der Berge rief den Sturm und ritt zu seinem Schloss hinauf und rief den Obersten der Zwerge und befahl ihm: "Nun wecke mich erst wieder, wenn die Menschen "Rübezahl" rufen. "Wie, Herr?" fragte der Zwerg, "Rü…?" und wagte den Spottnamen nicht zu Ende zu sprechen. "Ja", antwortete der Berggeist, "weil es ein deutscher Name ist!" Und er lachte traurig und verschwand hinter der goldenen Tür. Der Zwerg stand wie betäubt. Plötzlich zuckte er zusammen, stierte voll Grausen. Denn hinter jener Tür von Golde vernahm er den jammervollen Laut, den er bis dahin nur ein einziges Mal vernommen hatte, vor vielen hundert Jahren, an jenem Tage, als die Menschenprinzessin dem Herrn der Berge, der sie liebte, mit List und Hohn entwichen war. Der Zwerg zog behutsam seine hölzernen Schuhe aus und trug sie in den Händen, um nicht zu klappern. So schlich er zu seinen Brüdern und erzählte mit zitterndem Flüstern: "Er weint!" Und alle Zwerge weinten bitterlich.
Veröffentlicht im SÜDKURIER Nr. 41 S. 3 am 23. Mai 1947 |