Karl Scholz und die Fremden

Bei Kißling hinter ihrem Glas, da saßen zu später Stunde,
durch einen Zufall just vereint, fünf Männer in fröhlicher Runde.
Der erste stammte aus Berlin, das war ein Handelsvertreter,
der zweite war aus Köln am Rhein, ein lustiger Schwerenöter.
Dem Dritten einem Münchner Kind, dem wollte das Kißling Bier frommen,
der vierte war besonders hell, der war aus Dresden gekommen.
Der fünfte mit Namen Karlchen Scholz, der war in Gräbschen geboren
und später wegen besserer Luft nach Bischofswalde verzogen.
Da saßen sie nun und sagten Prost und ließen manch´ Bierchen sich munden.
Sie sprachen von Breslau, man lobte die Stadt, man habe sie herrlich gefunden.
Doch Karlchen schüttelte sein Haupt, wie könnte sich Breslau messen,
mit München, Dresden oder Köln, Berlin nicht zu vergessen!
Nein, nein sprach er, ihr habt es gut, wie seid ihr zu beneiden!
In euren Städten wimmelt es von Sehenswürdigkeiten!
Das Hofbräuhaus, der Kölner Dom, der Zwinger, die vielen Museen!
Bei uns in Breslau gibt es nichts Derartiges zu sehen!
Und dann das neue Stadion, die U-bahn und die Linden,
wo wäre etwas dieser Art bei uns daheim zu finden?
Und erst der Karneval am Rhein, das lachende, fröhliche Leben,
bei uns in Breslau hat es das bisher noch nicht gegeben.
Ja, ja so ist´s. Ihr habt es gut! Ihr seid berühmt!
Wir aber müssen bescheiden sein, denn niemand will von Breslau etwas wissen.
Da lachten die Vier und griffen zum Glas > Prost, Karlchen, Du sollst leben! 
Dann haben sie dem Breslauer Kind, die richtige Antwort gegeben.
> Wer schimpft denn auf eure schöne Stadt? Ihr selber seid´s alleine!
Ihr spuckt in Eure Oder hinein und singt Lieder vom Rheine!
Ihr habt ein Rathaus wie keine Stadt, Museen und gute Theater.
Ihr geht nicht hinein, Ihr kennt sie nicht und schwärmt vom Wiener Prater.
Und euer grüner Zobtenberg und eure Oderwälder?
Ihr seht sie kaum und fahrt nach Binz für sündhaft teure Gelder!
Der Dom, die Universität, Marien auf dem Sande!
Ihr würdet sie rühmen, stünden sie in einem anderen Lande!
Bescheidenheit ist eine Zier, die habt ihr übertrieben
und könnt ihr eure Heimatstadt nicht auch ein bisschen lieben? <

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Autor unbekannt, handschriftliche Aufzeichnungen eines Zwölfjährigen ca. 1947, wiederentdeckt am 12.05.2007, Christian Riedel

 

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